Wir erleben aktuell keine normale Energiekrise.
Wir erleben eine Abhängigkeitskrise.
Über Jahre hinweg haben viele Volkswirtschaften – insbesondere in Europa – ihre Energieversorgung auf fossile Importe gestützt: Öl, Gas und geopolitisch sensible Lieferketten. Das funktionierte, solange die Märkte stabil waren und politische Risiken beherrschbar erschienen. Diese Zeiten sind vorbei.
Geopolitische Spannungen, volatile Preise und unsichere Lieferketten zeigen heute deutlich, wie verwundbar dieses System tatsächlich ist. Energie ist längst nicht mehr nur kritische Infrastruktur und Grundlage wirtschaftlicher Wertschöpfung. Mehr denn je ist sie zu einem strategischen Faktor und zu einer Frage der Souveränität geworden.
Christoph Dorigatti beleuchtet Netzengpässe.
Mehr erneuerbare Energie allein löst das Problem nicht – intelligente Stromnetze sind ebenfalls nötig
Die logische Antwort scheint klar: mehr erneuerbare Energie, mehr Elektrifizierung, mehr Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Doch genau hier beginnt das eigentliche Problem.
Die öffentliche Debatte konzentriert sich häufig sehr stark auf die Energieerzeugung – auch deshalb, weil neue Windparks, Solarparks oder Speicheranlagen sichtbarer und politisch leichter zu kommunizieren sind. Stromnetze hingegen arbeiten meist im Hintergrund und erhalten oft erst dann Aufmerksamkeit, wenn Engpässe oder Ausfälle auftreten.
Dabei werden intelligente Stromnetze zum entscheidenden Enabler der Energiewende. Denn erneuerbare Energie muss nicht nur erzeugt, sondern auch in Echtzeit verteilt, gesteuert und in das Netz integriert werden.
Wir investieren massiv in neue Formen der Energieerzeugung, während die Infrastruktur, die für den Transport und die Verteilung dieser Energie erforderlich ist, nicht im gleichen Tempo ausgebaut wird. Der Ausbau erneuerbarer Energien schreitet voran, doch die Digitalisierung der Stromnetze hinkt hinterher. Das ist kein Nebenschauplatz der Energiewende. Es ist ihr zentraler Engpass.
80 Millionen Kilometer: Die Dimension wird systematisch unterschätzt
Die Internationale Energieagentur (IEA) verdeutlicht das Ausmaß der Herausforderung: Bis 2040 müssen weltweit mehr als 80 Millionen Kilometer Stromnetze modernisiert, digitalisiert oder neu gebaut werden – das entspricht in etwa der gesamten heutigen globalen Netzinfrastruktur.
Gleichzeitig warnt die IEA inzwischen deutlich davor, dass Stromnetze zum zentralen Engpass der Energiewende werden könnten. Weltweit warten derzeit rund 1.650 Gigawatt an Solar- und Windprojekten auf einen Netzanschluss.
Auch die wirtschaftlichen Auswirkungen sind erheblich. Verzögerungen beim Netzausbau können die Kosten der Energiewende drastisch erhöhen. Allein in der Europäischen Union haben die Kosten für Netzengpässe und Redispatch bereits rund 4,2 Milliarden Euro pro Jahr erreicht. Insgesamt schätzt die IEA, dass Verzögerungen beim Netzausbau die Kosten der Energiewende um bis zu 40 Prozent erhöhen könnten.
Der größte Denkfehler: Netzausbau und Automatisierung als Kostenfaktor betrachten
Das sind keine abstrakten Zukunftsszenarien. Sie sind die wirtschaftliche Realität eines Systems, das ohne die entsprechende Infrastruktur nicht funktionieren kann. Dennoch werden Netzausbau und Automatisierung weiterhin häufig in erster Linie als Kostenfrage diskutiert. Doch diese Perspektive greift zu kurz. Der Return on Investment entsteht nicht erst zu einem unbestimmten Zeitpunkt in der Zukunft. Er entsteht bereits heute durch die Verringerung struktureller Abhängigkeiten.
Jede Kilowattstunde erneuerbarer Energie, die lokal erzeugt und zuverlässig in das Netz integriert werden kann, ersetzt importierte fossile Energie. Sie reduziert Preisrisiken, geopolitische Verwundbarkeit und systemische Unsicherheiten. Mit anderen Worten: Netzausbau ist ein direkter Hebel für energiepolitische Unabhängigkeit und Systemeffizienz – und damit ein zentraler Faktor für wirtschaftliche Stabilität und Versorgungssicherheit.
Der ROI ist keine Prognose – er ist bereits Realität
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob sich diese Investitionen rechnen werden. Sie tun es bereits – weil sie Risiken beseitigen, die deutlich teurer sind als jede Investition in Infrastruktur. Gleichzeitig unterschätzen wir weiterhin die operative Dimension dieser Transformation.
Ein Energiesystem, das auf erneuerbaren Quellen basiert, unterscheidet sich grundlegend von dem fossilen System, das wir gewohnt sind. Es ist wesentlich dezentraler, volatiler und dynamischer.
Energie wird nicht mehr linear erzeugt und verteilt. Stattdessen muss sie in Echtzeit über zahlreiche Einspeisepunkte hinweg gesteuert und ausbalanciert werden. Das bedeutet: Der physische Ausbau der Netze ist notwendig, aber nicht ausreichend. Ohne Digitalisierung in Form von software-definierter Automatisierung, intelligenter Verteilung und Echtzeit-Datenmanagement wird diese Komplexität nicht beherrschbar sein.
Ohne Automatisierung wird der Netzausbau scheitern
Intelligente Netze müssen in der Lage sein, Energieflüsse in Echtzeit zu überwachen, zu steuern und zu optimieren. Sie müssen private und industrielle Verbraucher, dezentrale Erzeuger und Speicherlösungen nahtlos integrieren. Und sie müssen Entscheidungen dort treffen, wo Geschwindigkeit und Präzision entscheidend sind – im System selbst und in Echtzeit.
Das verändert die Rolle der Energieinfrastruktur grundlegend. Netze sind nicht länger passive Transportwege für Strom. Sie entwickeln sich zu aktiven, software-definierten digitalen Plattformen.
Vor diesem Hintergrund wird auch deutlich, warum die aktuelle Energiekrise mehr als eine kurzfristige Herausforderung ist. Sie zeigt, wo die strukturellen Schwächen unseres Systems liegen – und wo sich die entscheidenden Hebel für die Zukunft befinden: im Netzausbau, in der digitalen Netzsteuerung und in der software-definierten Automatisierung.
Wenn der Netzausbau weiterhin hinter dem tatsächlichen Bedarf zurückbleibt, entstehen drei zentrale Risiken: steigende Energiekosten, eine sinkende industrielle Wettbewerbsfähigkeit und eine zunehmende Instabilität der Energiesysteme.
Die Folgen sehen wir bereits heute. Netzengpässe verzögern den Anschluss neuer Wind- und Solarparks, erneuerbare Energie muss teilweise abgeregelt werden und Unternehmen erhalten für neue Produktionsanlagen keine ausreichende Netzkapazität. Dadurch steigen die Redispatch-Kosten, Investitionen verzögern sich und die Abhängigkeit von fossilen Reservekapazitäten bleibt bestehen.
Die richtigen Entscheidungen für die Zukunft treffen
Der Ausbau und die Digitalisierung von Stromnetzen sind keine optionalen Projekte, die je nach Budgetlage oder Lobbydruck priorisiert oder verschoben werden können. Sie sind die Voraussetzung dafür, die Welt aus ihrer Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu lösen.
Genau deshalb ist der Return on Investment keine Prognose. Er ist bereits eine logische Konsequenz. Die eigentliche Gefahr liegt daher nicht in übermäßigen Investitionen. Sie liegt darin, zu lange an einem System festzuhalten, das uns abhängig hält – und gleichzeitig die Infrastruktur zu vernachlässigen, die uns unabhängig machen könnte.
Letztlich wird die Zukunft unserer Energieversorgung nicht davon bestimmt, wie viel Energie wir erzeugen. Entscheidend wird sein, ob wir die Systeme aufgebaut haben, die erforderlich sind, um diese Energie intelligent zu verteilen und zu nutzen. Und genau hier müssen heute die richtigen Entscheidungen getroffen werden.
Wie Stromnetze resilient, software-definiert und steuerbar werden können, relevante Standards wie ISO, ISA, IEEE und IEC erfüllen und sich zu echten Smart Grids entwickeln, erfahren Sie here.
Ein Blogartikel von Christoph Dorigatti.