Ohne industrielle Souveränität wird KI ihr volles Potenzial nie entfalten

Künstliche Intelligenz (KI) beherrscht heute die Schlagzeilen, doch industrielle Souveränität wird über den Erfolg von morgen entscheiden. Ausgehend vom World Economic Forum in Davos und dem „Annual Meeting of the New Champions“ in Dalian analysiere ich, warum offene digitale Grundlagen – und nicht die Technologie allein – die Zukunft der Industrie prägen werden.

Ohne industrielle Souveränität wird KI ihr volles Potenzial nie entfalten
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Künstliche Intelligenz war zweifellos das zentrale Thema der diesjährigen Gespräche beim Weltwirtschaftsforum in Davos – und meiner Meinung nach völlig zu Recht. Doch mit einigen Monaten Abstand bin ich überzeugt, dass eine der wichtigsten Fragen deutlich weniger Aufmerksamkeit erhalten hat, als sie verdient: Die größte Herausforderung für die Industrie besteht nicht darin, ob Unternehmen KI einsetzen werden. Es geht darum, ob sie dabei ihre Souveränität bewahren.

Dabei bedeutet Industrielle Souveränität weder Isolation noch Protektionismus. Es geht darum, sich die Freiheit zu bewahren, Entscheidungen selbst zu treffen. Die Freiheit, neue Technologien zu integrieren, ohne von einem einzelnen Anbieter abhängig zu werden. Die Freiheit, bestehende Infrastrukturen weiterzuentwickeln, statt sie vollständig ersetzen zu müssen. Und letztlich die Freiheit, im eigenen Tempo Innovationen umzusetzen. In einer Welt, in der der technologische Fortschritt immer schneller voranschreitet, während geopolitische und wirtschaftliche Unsicherheit zur neuen Normalität wird, entwickelt sich diese Freiheit zu einem der wertvollsten strategischen Vermögenswerte der Industrie.

Was mir von Davos im Hinblick darauf am stärksten in Erinnerung geblieben ist, war weder eine einzelne Technologieankündigung noch eine Keynote. Es war die Erkenntnis, dass es bei Transformation nicht länger darum geht, die Zukunft vorherzusagen. Sondern es geht darum, Organisationen aufzubauen, die sich an das anpassen können, was als Nächstes kommt. Als lebenslanger Star-Wars-Fan musste ich dabei unweigerlich an eines meiner Lieblingszitate von Meister Yoda denken: „Immer in Bewegung ist die Zukunft.“ Dieser Satz bringt die industrielle Realität von heute perfekt auf den Punkt.

Die eigentliche Lehre aus Davos: Anpassungsfähigkeit wird zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil

Hersteller, Energieversorger und Betreiber kritischer Infrastrukturen stehen vor einer beispiellosen Unsicherheit. Künstliche Intelligenz entwickelt sich mit atemberaubender Geschwindigkeit. Energiesysteme werden zunehmend dezentral. Lieferketten bleiben fragil. Regulatorische Anforderungen nehmen weiter zu. Niemand von uns weiß genau, wie die Industrie in fünf Jahren aussehen wird. Jedoch wissen wir, dass Anpassungsfähigkeit zu einer strategischen Fähigkeit geworden ist. Die Zukunft wird nicht den Unternehmen gehören, die einfach in die neuesten Technologien investieren. Sie wird denen gehören, die offene, flexible Grundlagen schaffen, und die in der Lage sind, das zu integrieren, was als Nächstes kommt.

Genau hier wird Software-defined Automation strategisch relevant. Sie ist nicht einfach ein weiterer technologischer Trend. Sie steht für eine grundlegend andere Denkweise über industrielle Systeme – eine Denkweise, bei der Software bestimmt, wie schnell Unternehmen auf sich verändernde geschäftliche Anforderungen reagieren können.

Von der Vision zur Skalierung: was "Summer Davos" ergänzt hat

Eine weitere Entwicklung hat diesen Eindruck verstärkt. Beim Annual Meeting of the New Champions des Weltwirtschaftsforums in Dalian verlagerte sich die Diskussion spürbar und konzentrierte sich auf eine wesentlich praktischere Frage: Wie können wir Innovation skalieren?

Es ist das eine, über das enorme Potenzial von künstlicher Intelligenz, Digitalisierung oder industrieller Transformation zu sprechen. Etwas völlig anderes ist es, diese Technologien in Fabriken, Stromnetzen und kritischen Infrastrukturen so einzusetzen, dass ein messbarer geschäftlicher Mehrwert entsteht. Dalian hat bestätigt, dass die nächste Phase der industriellen Transformation nicht allein durch einzelne technologische Durchbrüche geprägt sein wird. Erfolg wird davon abhängen, ob es uns gelingt, diese Technologien zuverlässig, sicher und in großem Maßstab umzusetzen.

Hier wird industrielle Souveränität zu mehr als einem strategischen Ziel. Sie wird zu einer praktischen Notwendigkeit. Unternehmen benötigen digitale Grundlagen, die es ihnen ermöglichen, neue Technologien einzuführen, ohne sich an proprietäre Ökosysteme zu binden oder langfristige Flexibilität aufzugeben. Technologie sollte Optionen erweitern – nicht einschränken.

Die Bedeutung von Souveränität wird zunehmend auch außerhalb der Industrie erkannt. Beim Gipfel der Europäischen Politischen Gemeinschaft in Jerewan hob der kanadische Premierminister Mark Carney Resilienz und strategische Unabhängigkeit als zentrale Prioritäten für die Zukunft hervor. Die Industrie steht vor einer ähnlichen Herausforderung: Innovation voranzutreiben und gleichzeitig die Freiheit zu bewahren, selbst zu entscheiden und sich anzupassen.

Warum digitale Grundlagen wichtiger sind denn je

Viele Gespräche in Davos konzentrierten sich auf die enormen Chancen, die KI der Industrie bietet. Ich teile diesen Optimismus. KI hat das Potenzial, die Art und Weise zu verändern, wie wir Fabriken betreiben, Energiesysteme optimieren und Entscheidungen in industriellen Umgebungen unterstützen. Doch KI allein wird die Industrie nicht transformieren. Ihr Erfolg hängt von etwas weitaus weniger Sichtbarem ab: der Qualität der digitalen Grundlagen, auf denen sie aufbaut. KI benötigt zuverlässige Daten, interoperable Systeme und eine Softwarearchitektur, die es ermöglicht, neue Fähigkeiten schnell und sicher zu integrieren.

Dasselbe gilt für die Energiewende. Weltweit werden Stromnetze zunehmend dezentraler und dynamischer. Erneuerbare Energieerzeugung, Energiespeicher und flexible Verbraucher verändern jeden Tag die Art und Weise, wie Netze betrieben werden. Die Beherrschung dieser Komplexität erfordert mehr als intelligente Algorithmen. Sie erfordert Softwareplattformen, die Anlagen miteinander verbinden, Prozesse koordinieren und den Betreibern die Transparenz geben, die sie benötigen, um in Echtzeit Millionen fundierter Entscheidungen zu treffen.

Industrielle Souveränität beginnt mit offenen digitalen Grundlagen

Hier müssen Unternehmen ihre Perspektive erweitern. Software-definierte Automatisierung wird häufig als technologische Weiterentwicklung diskutiert. Tatsächlich ist sie etwas viel Grundlegenderes. Sie ermöglicht industrielle Souveränität.

Offene Softwareplattformen geben Unternehmen die Freiheit, neue Technologien zu integrieren, ohne bestehende Investitionen ersetzen zu müssen. Sie reduzieren Abhängigkeiten von proprietären Ökosystemen, unterstützen die Interoperabilität zwischen Operational Technology (OT) und Information Technology (IT) und bieten die Flexibilität, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln, wenn sich geschäftliche Anforderungen verändern.

Offene Ökosysteme schaffen resiliente Industrien

Eine weitere ermutigende Erkenntnis aus beiden Treffen des Weltwirtschaftsforums war, dass kein Unternehmen die industrielle Transformation allein bewältigen kann. Offene Standards, vertrauensvolle Partnerschaften und interoperable Technologien werden zunehmend zu strategischen Vorteilen und sind nicht länger lediglich technische Präferenzen.

Industrielle Ökosysteme sind stärker miteinander verbunden als je zuvor. Hersteller arbeiten mit Energieversorgern zusammen. KI-Anwendungen interagieren mit Automatisierungsplattformen. Erfolg hängt weniger von einzelnen Technologien ab als davon, wie effektiv sie zusammenspielen.

Industrielle Souveränität bedeutet nicht, alles selbst zu machen. Sie bedeutet, die Freiheit zur Zusammenarbeit zu haben, ohne die Kontrolle über die eigenen Daten, die eigene Infrastruktur und die eigenen strategischen Entscheidungen zu verlieren.

Ein Blick auf Davos 2027

Wenn wir auf das Weltwirtschaftsforum 2027 blicken, erwarte ich, dass sich die Diskussion erneut weiterentwickeln wird. Künstliche Intelligenz wird zweifellos ein zentrales Thema bleiben. Ich hoffe jedoch, dass wir weniger Zeit damit verbringen werden, über ihr Potenzial zu sprechen, und mehr Zeit damit, über die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung und einen tatsächlich positiven Beitrag von KI zu sprechen.

Die Frage ist nicht mehr, ob die Industrie KI annehmen wird. Die Frage ist, ob sich Unternehmen dabei gleichzeitig die Offenheit, Flexibilität und industrielle Souveränität bewahren, um auch in den nächsten Jahrzehnten erfolgreich zu sein.

Ein Blogartikel von Stefan Reuther. 

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